Konzept

Nachfolgend eine einführende Beschreibung des Konzepts “Band Ohne Noten”:

Einleitung

In allen Schulformen kann man beobachten, dass das praktische Musizieren einen immer breiteren Raum einnimmt. Um vor allem Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5-10 anzusprechen, werden häufig Schülerbands (als „Klassenband“ oder in AG-Form) eingerichtet. Für diese Art von Unterricht gibt es inzwischen eine Reihe von didaktisch reduzierten Arrangements. Solche Arrangements sind allerdings häufig nur für Schülerinnen und Schüler mit zumindest geringen musikalischen Vorkenntnissen geeignet - so wird oft eine grundlegende Kenntnis der traditionellen Notenschrift oder bestimmter Spieltechniken vorausgesetzt.

Die von den Autoren unterrichteten Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen und Förderschulen mit den Schwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung sind durchweg sehr motiviert, in den angesprochenen Klassenbands praktisch zu musizieren, verfügen in diesem Bereich aber über keine oder nur wenige Vorkenntnisse. Zugang dieser Schülerinnen und Schüler ist häufig die sehr intensive Rezeption verschiedener Formen der Populären Musik.

Der Musikunterricht bietet für viele Schülerinnen und Schüler häufig die einzige Möglichkeit, sich aktiv musikalisch zu betätigen. Er sollte ihnen vor allem die Freude an der Musik erhalten und das Interesse am Umgang mit musikalischen Inhalten fördern. Die aktive Beschäftigung mit einem Instrument oder einer Gesangsstimme kann zum Musikmachen auch außerhalb des Unterrichts anregen und somit zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung führen. Durch einen praktisch orientierten Musikunterricht werden die Möglichkeiten von Schülerinnen und Schülern, sich mit Stimme und Instrument auszudrücken, gefördert und die Entwicklung einer eigenen musikalischen Identität wird unterstützt.

“Band Ohne Noten” möchte auch Mut machen, Kooperationsprojekte mit Musikschulen anzugehen. Diese sind oftmals auf der Suche nach neuen Zielgruppen und vor Ort ergeben sich (z.B. unterstützt durch Sponsoren, gefördert durch Landesmittel) manchmal Möglichkeiten, Schülerinnen und Schülern den Besuch einer Musikschule zu ermöglichen, die diese sonst nie betreten hätten. Wichtig erscheint dabei ein praxisorientiertes Konzept in enger Kooperation Schule-Musikschule, das die direkte Umsetzung des Gelernten (z.B. in der Schulband) ermöglicht - auch dafür kann “Band Ohne Noten” Hilfen geben.

Nicht zuletzt wird dem Unterrichtenden eine Technik an die Hand gegeben, schultaugliche Stücke selbst zu entwickeln, da gerade aktuelle Charttitel sehr schnelllebig sind und es im Musikunterricht oft das allerneueste Stück sein soll, das weder notiert noch als Playback käuflich zu erwerben ist.

Musikmachen ohne Vorkenntnisse

“Band Ohne Noten” ist ein Konzept zum Klassenmusizieren bzw. zum Musizieren in der Klassenband, das bei der Erarbeitung von Songs aus dem Bereich der Populären Musik auf traditionelle Notation (Notenschrift) verzichtet. Die Autoren setzen im Unterricht auf alternative Notationsformen wie Ablauf- und Spielpläne, Symbole, Farben, Zahlen, Buchstaben und die in der Populären Musik bereits lang eingeführte Tabulaturschreibweise. Das hier kurz vorgestellte Konzept erschien in Buchform im Herbst 2008 mit sieben bearbeiteten aktuellen Stücken bei Schott/Klett in Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung des aktiven Musizierens „Let´s Make Music“.

Die eingesetzten Techniken der didaktischen Reduktion erlauben es, einen großen Teil aktueller Songs schülergerecht zu arrangieren. Dazu werden nachfolgend Möglichkeiten aufgezeigt, das eingesetzte Instrumentarium in der Handhabung so zu vereinfachen, dass Schülerinnen und Schüler auch im begrenzten Zeitrahmen des Musikunterrichts vorzeigbare Lernerfolge erzielen.

Möglichkeiten der Erarbeitung

Bei der Erarbeitung aktueller Songs erfolgt eine Fokussierung bzw. Beschränkung auf die wesentlichen Elemente des musikalischen Materials. Ein Stück soll in seiner rhythmischen, harmonischen und melodischen Struktur wieder erkennbar und auch für Einsteiger spielbar/umsetzbar sein. In der Vorbereitung sind dabei die folgenden Schritte von besonderer Bedeutung:

  • musikalische Analyse des ausgewählten Musikstücks
  • Reduktion des musikalischen Arrangements und häufig auch des Textes im Hinblick auf das Klassenmusizieren mit Schülerinnen und Schülern ohne Vorkenntnisse
  • für die Schülerstimmen werden Notationsformen (tabellarische Spielpartituren und Spielaufgaben) verwendet, die ohne Notenkenntnisse verstanden werden können
  • Spielhilfen für das Instrumentalspiel, z. B. Veränderungen an und Markierungen auf Instrumenten (Manipulationen, Modifikationen, Präparieren der Instrumente gemäß der Lernvoraussetzungen)
  • Herstellen einer Matrix, die von der Lehrperson als Partitur genutzt werden kann
  • Anpassen des Arrangements an die jeweilige Klasse

Musikalische Analyse am Beispiel „Boulevard Of Broken Dreams“

Um ein Stück im Sinne des Konzepts zu reduzieren, muss zunächst eine Analyse des Songaufbaus vorliegen, nachfolgend durchgeführt am Beispiel von „Boulevard of Broken Dreams“, einem Song der Gruppe Green Day.

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Zur Dokumentation von Melodie und Text können sog. „Leadsheets“ verwendet werden, häufig reicht auch nur der Text, da die Schüler die Melodie „im Ohr haben“.

Eine Analyse wie die hier gezeigte ist für die didaktische Reduktion zwingend erforderlich. Musikerfahrene Kollegen führen diese z.B. mit Hilfe der Aufnahme und eines Harmonieinstruments nach Gehör durch, es gibt aber auch die Möglichkeit, sich die Akkorde und den Ablauf dieser Stücke durch Songbooks, Fachzeitschriften, MIDI-Files oder im Internet zu verschaffen.

Reduktion des musikalischen Arrangements und des Textes im Hinblick auf das Klassenmusizieren mit Schülerinnen und Schülern ohne Vorkenntnisse

Im Ablauf des Beispielstücks wurden folgende Veränderungen vorgenommen:

  • der Refrain wird jedes Mal 8-taktig gespielt
  • auf das Ending wird komplett verzichtet

Im harmonischen Aufbau werden folgende Veränderungen vorgenommen: Das Stück wird aus der Originaltonart f-moll nach h-moll transponiert, die Akkorderweiterungen werden weggelassen, es werden nur offene Quintakkorde („Powerchords“) verwendet, d.h. auf die kleine bzw. große Terz der Moll- bzw. Dur-Akkorde wird verzichtet. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wird in Anlehnung an den Originaltext eine singbare deutsche Textfassung entwickelt, die in den Strophen auch mit Textwiederholungen arbeitet. Ein kleiner Auszug einer möglichen Übersetzung (1. Strophe):

Ich geh´ die Straße lang

Doch auf diesem Weg bin ich allein

Weiß nicht wohin ich kann

Bin hier zu Haus und will hier doch nicht sein

 

Vereinfachte Spielhilfen und Notationsformen

Im Bereich der Spielhilfen für das Instrumentalspiel gibt es viele Möglichkeiten, z. B. Veränderungen an und Markierungen auf den Instrumenten (Manipulationen, Modifikationen, Präparieren der Instrumente gemäß der Lernvoraussetzungen). Dazu werden nachfolgend Beispiele gegeben.

Für die Schülerstimmen werden Notationsformen (tabellarische Spielpartituren und Spielaufgaben) verwendet, die ohne Notenkenntnisse rezipiert und umgesetzt werden können. Diese werden im Hinblick auf die sich ständig verändernden Lernvoraussetzungen der Schüler modifiziert (zur Verwendung der nachfolgenden Zeichen und Symbole vgl. auch unten in “Herstellung einer Matrix”):

Schlagzeug

Beispiel für eine Schlagzeugnotation für 2 Schüler (Einsteiger). Ein Schüler spielt nur Hi-Hat- oder Ride-Becken auf Viertel, die andere Schülerin spielt Bassdrum und Snaredrum im Wechselschlag. Sollte die Koordination von Fuß und Hand anfangs zu schwer sein, ist z.B. auch ein Wechselschlag auf (abgedämpfter) Standtom (als Bassdrum-Ersatz) und Snaredrum möglich:

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Und die gleiche Stimme für Fortgeschrittene (ein oder zwei Schüler). Hier spielt das Hi-Hat-Becken schon Achtelschläge (”1 und 2 und 3 und 4 und”):

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Keyboard

Die Keyboardtasten werden ähnlich wie die Gitarren/Bässe mit Klebepunkten beklebt, z.B. mit Farben, Zahlen oder Buchstaben/Tonnamen. Wer nicht die Möglichkeit hat, Keyboards dauerhaft zu bekleben, kann auf Papierreiter mit den Tonnamen zurückgreifen (im Fachhandel oder auf der beiliegenden DVD des Buchs “Band ohne Noten” als pdf-Datei). Diese enthalten Lücken für die schwarzen Tasten, so dass sie relativ fest auf der Tastatur stehen können. Hier zwei Arten der Vorbereitung:

Es werden nur Einzeltöne markiert, um Melodien oder einzelne Töne eines Akkords spielen zu können:

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Es werden zwei oder mehr Töne mit den gleichen Farben bzw. Tonnamen beklebt, um Akkorde mehrstimmig spielen zu können. Die Farbe bzw. der Buchstabe orientiert sich dabei am Grundton des Akkords (hier G-Dur):

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Ein Beispiel für eine Schülerstimme Keyboard (je nach Fähigkeiten ein bis drei Schüler, die dann ein- bis dreistimmig spielen können, z.B. Schüler 1 - Stimme 1, Schüler 2 - Stimme 2, Schüler 3 - Stimme 3; hier sind Einzeltöne gemeint, “G” ist also keine Akkordbezeichnung!):

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Gitarre/Bass

Die Markierung erfolgt sowohl beim Spiel von Einzeltönen auf Bass oder Gitarre als auch beim Akkordspiel auf der Gitarre durch Farben, Zahlen oder Akkordbezeichnungen. Dabei werden die Klebepunkte entweder direkt unter den zu spielenden Ton (Spiel von Einzeltönen) oder als Bundmarkierung am Rand des Griffbretts platziert (Akkordspiel auf der Gitarre). Welches System (Farben, Zahlen, Akkordbezeichnungen) dabei verwendet wird ist immer abhängig von Situation und Lernvoraussetzungen der Schüler - und auch von persönlichen Vorlieben.

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Um das motorisch äußerst anspruchsvolle und schwer zu erlernende Greifen der Akkorde zu vermeiden, greift man zu einem kleinen Trick und löst damit zwei Probleme auf einmal: Die tiefe E-Saite wird einen Ganzton tiefer gestimmt (auf D), die drei höher klingenden Saiten g, h und e’ werden abgedämpft (durch Klebeband oder ein eingeklemmtes Taschentuch). Es entsteht ein offener Akkord D, der durch die fehlende Terz kein Tongeschlecht (Moll oder Dur) hat. Anschließend kann man nun jede Akkordfolge mit einfachem „Fingerschieben“ begleiten und das Umgreifen der Akkorde ist erheblich vereinfacht. Sollte eine Moll- oder Dur-Terz für das Stück sehr wichtig sein, kann man diese z.B. von einer Keyboardstimme ergänzen lassen. Zusätzlich hat man den Vorteil, keine unterschiedlichen Akkordbezeichnungen mehr verwenden zu müssen – „D“ steht sowohl für Dur- als auch für Moll-Akkorde.

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Bewährt hat sich bei den Gitarrenstimmen neben dem Verwenden der Akkordbezeichnungen auch der Einsatz der Tabulatur, wie sie in der E-Gitarrenstimme für Fortgeschrittene zu erkennen ist. Diese Schreibweise kann nach den Erfahrungen der Autoren von fortgeschrittenen Schülern gut nachvollzogen werden, da sie direkt auf das Instrument übertragbar ist.

Beispiel für eine E-Gitarrennotation (Fortgeschrittene):

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Oder so:

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Ein Beispiel für eine Bassnotation (Einzeltöne!):

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Herstellung einer Matrix

Abgeleitet aus den Einzelstimmen der Schüler wird eine Matrix erstellt, die von der Lehrperson als Partitur genutzt werden kann. In dieser Partitur sind die Teile und ihre Bezeichnungen, Längen der Teile, mitwirkende Instrumente und deren Spielaufgabe festgehalten. „X“ bedeutet „spielen“, ein Strich (-) bedeutet „Pause“. Werden statt des „X“ Zahlen verwendet (s. Drums, Bass), so bedeutet dies, dass ein einzelner Schüler verschiedene Spielaufgaben hat bzw. dass sich mehrere Schüler eine Stimme aufteilen (z.B. zwei Bassisten):

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Anpassen des Arrangements an die jeweilige Klasse

Kein Arrangement in einer bestimmten Klasse wird sich in der hier vorgestellten Art direkt übertragen bzw. anwenden lassen. Die Erfahrung zeigt, dass die Musiklehrerin/der Musiklehrer immer flexibel auf die heterogenen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler eingehen muss. So müssen nicht durchgängig die Einsteiger- und Fortgeschrittenenstimmen benutzt werden; diese können auch beliebig kombiniert werden. Auch herkömmliche Notationen und Spieltechniken oder Akkordgriffe können jederzeit eingesetzt werden, wenn Schüler über entsprechende Fähigkeiten verfügen.